Künstliche Intelligenz: Oder Wenn Blechkisten klüger werden als Menschen

Prof. Dr. Christoph von der Malsburg, Senior Fellow, Frankfurt Institute of Advanced Studies

 

Das Thema Künstliche Intelligenz ist momentan in aller Munde. Es gibt große Erwartungen, viele Bedenken und noch mehr offene Fragen. Der Physiker und Neurobiologe Christoph von der Malsburg ist einer der Pioniere der KI-Forschung in Deutschland und hat die Entwicklung über viele Jahre beobachtet. „Künstliche Intelligenz ist das Schmiermittel, um den Wandel von der analogen zur digitalen Welt voranzutreiben und hat ein riesiges Potential – ob für die öffentliche Verwaltung, das Gesundheitswesen, für Unternehmen und Start-ups oder auch für den Verkehr“, so von der Malsburg. „Aber auch die Gefahren sind nicht zu unterschätzen!“ 


Deep Learning

Der aktuelle Hype zur Künstlichen Intelligenz beruht vor allem auf den Fortschritten bei Deep Learning. Bei dieser Technik wird das Computersystem mit Millionen von Daten bzw. Beispielen gefüttert. Das System lernt zu standardisieren und Objekte zukünftig selbst zu erkennen. Die Grundidee ist bereits 40 bis 60 Jahre alt, doch waren zunächst die Computer nicht in der Lage, derart große Datenmengen zu verarbeiten.

Das hat sich in den letzten Jahren geändert und in Industrie, durch Smart Devices, im World Wide Web und in sozialen Netzwerken ist ein enormer Datenschatz entstanden. Doch der Rückgriff auf diese Daten ist umstritten und auch die Technik stößt aktuell an ihre Grenzen. Drei Gründe sind laut dem KI-Forscher dafür ausschlaggebend: 

  • Die riesigen Datenmengen, die für Deep Learning benötigt werden, machen die Technik sehr teuer und nur effizient, wenn es ein ausreichend großes Potential zur Standardisierung gibt.
  • Deep Learning kann nicht abstrahieren oder verallgemeinern. Weiß ein Mensch, was ein Glas ist, wird er zukünftig alle Gläser problemlos erkennen, auch wenn sie anders aussehen. Das System kann das nicht. Dies ist vor allem für Bestrebungen wie das autonome Fahren eine riesige Herausforderung, denn hier weichen Verkehrsströme schnell von der Standardsituation ab.
  • Zudem sind die vorhandenen Softwaresysteme, um Daten zu verarbeiten, häufig nicht kompatibel.


Es braucht eine echte künstliche Intelligenz

Die Schwächen und Grenzen von Deep Learning steigern das Verlangen nach echter künstlicher Intelligenz – momentan diskutiert unter dem Begriff AGI - Artificial General Intelligence. „Dieser Entwicklungssprung ist für die nächste Jahre noch nicht absehbar“, so von der Malsburg. Dabei ist er davon überzeugt, dass das Wissen in den verschiedensten Fachbereichen bereits vorhanden ist – jedoch tauschen sich die verschiedensten Forscher nicht ausreichend aus.

Können wir uns also zurücklehnen und erst einmal abwarten? Leider nein! Auch wenn der Durchbruch zu einer wirklichen künstlichen Intelligenz noch einige Jahre oder Jahrzehnte dauern wird, so müssen insbesondere Deutschland und Europa aktuell darauf achten, nicht den Anschluss an die USA oder China zu verlieren. Dabei wäre Deutschland in einer guten Ausgangssituation um AGI voranzutreiben – mit einem Schatz an Industriedaten und einer Forschung, die nicht ausschließlich auf Deep Learning fokussiert ist.

Gleichzeitig müssen wir heute für morgen vorbeugen und den den Weg in die Zukunft ernst nehmen: „Wir müssen gemeinsam dem KI-System eine wertebasierte Zielstruktur vorgeben, mit der wir alle leben können“, ist von der Malsburg überzeugt. Auch er sieht die Gefahren - beispielsweise in totalitären Überwachungsstaaten, die visuelle Gesichtserkennung – eine Technik, die er selbst mit erforscht hat – zur Kontrolle zu missbrauchen. Doch wie die ethische Verwendung von KI weltweit und auch in autokratischen Regimen sichergestellt werden kann, darauf hat der emeritierte Professor selbst auch keine Antwort. Letztendlich könnte KI für ihn somit doch gefährlicher werden als die Atombombe...