Ludger Heidbrink: Die Verantwortung und ihre Grenzen

Der Begriff der Verantwortung wird von Unternehmen zunehmend inflationär verwendet. „Wir leben Verantwortung“ – so überschrieben Audi und Telekom ihre CR-Reports in 2012 und 2014. Doch wieviel Verantwortung kann ein Unternehmen wirklich tragen? Für welche Entscheidungen, Ereignisse können Unternehmen tatsächlich verantwortlich gemacht werden?

Die Grauzone ist groß. Der Begriff Verantwortung wird nur allzu gern und leichtfertig strapaziert, er sei zu einer „leere Worthülse verkommen“, so Ludger Heidbrink. Denn sobald der Krisenfall eintritt, wie jüngst im Fall der Abgasmanipulation bei Volkswagen, wird für die Verfehlungen zwar offiziell Verantwortung übernommen, aber nicht getragen: „Als Vorstandsvorsitzender übernehme ich die Verantwortung für die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren ... Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltes bewusst bin.“ (Martin Winterkorn, 23.9.2015)

Heidbrink stellte daher beim Hermes Dinner 2015 in seinen Vortrag zu der Verantwortung und ihren Grenzen die These in den Raum: „Wir sollten mit weniger Verantwortung auskommen, unverantwortlich sein, um die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.“ Wenn dies nicht geschieht, dann geht das Drama in drei Akten weiter: 

Erster Akt – Expansion: Die Verantwortung wird heutzutage von Unternehmen auf zu viele Bereiche ausgedehnt, für die eigentlich keine Verantwortung übernommen werden können. 

Zweiter Akt – Diffusion: Gleichzeitig übernehmen nicht einzelne Personen die Verantwortung, sondern sie wird einer ganzen Gruppe – beispielsweise einem Unternehmen – zugeschrieben. Rein rhetorisch. 

Dritter Akt – Negation: Im Ernstfall, wenn der Anspruch des Unternehmens beispielsweise auf eine nachhaltige Lieferkette nicht erfüllt wird, werden die Individuen den schwarzen Peter lieber dem nächsten zuschieben und nicht zu ihrer Verantwortung stehen. Eine Gruppe kann nicht zur Rechenschaft gezogen werden. 

Was bleibt? Ein Plädoyer für weniger Verantwortung bzw. für mehr Unverantwortlichkeit. Heidbrink empfiehlt sich auf die Bereiche zu beschränken, die ein Unternehmen wirklich beeinflussen kann. Sonst wird die moralische Fallhöhe zu groß. Ein Unternehmen kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen, aber es kann differenzieren und eine andere Verantwortungskultur fördern.