Markus Hengschläger: Jeder Mensch hat Talent

Stellen sie sich vor, sie haben in Ihrem Team einen Affen, einen Elefanten und eine Schlange. Am ersten Tag lautet die Aufgabe: Wer kann am schnellsten auf den Baum klettern? Selbst mit noch so viel üben wird der Elefant einfach nicht auf den Baum klettern können. Doch am nächsten Tag, wenn der Baum ausgerissen werden soll, schlägt seine Stunde. Jetzt haben der Affe und die Schlange keine Chance. Das Beispiel zeigt: Es braucht verschiedene Talente in einem Team, um erfolgreich zu sein.

Und damit sind wir beim Thema des Abends: Talente und Innovationen. Prof. Dr. Markus Hengstschläger von der Medizinischen Universität Wien hält die Keynote zum Hermes Dinner. Er ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Idee, Talente richtig zu entdecken und zu fördern. Und damit meint er ganz explizit nicht, einfach den Durchschnitt zu fördern. Sondern Peaks und Freaks. Ohne die läuft Europa als rohstoffarmer Kontinent Gefahr, sein größtes Kapital der Zukunft zu verspielen: die Spitzentalente seiner Bürger und die Möglichkeit für Innovationen.

 

Nur 0,1% genetischer Unterschied

Doch wie bemisst sich Talent überhaupt? Inwiefern ist unsere Leistung das Ergebnis unserer Gene? Der Mensch hat 23.000 Gene und unterscheidet sich gerade einmal zu 0,1% von seinen Mitmenschen – darunter Faktoren wie Geschlecht, Größe, Haar- und Augenfarbe etc. Das was wir gemeinhin als Talent verstehen, ist in Wirklichkeit nur eine kleiner Anteil Veranlagung und ein sehr großer Anteil üben üben üben. Gene sind lediglich Bleistift und Papier, die Geschichte schreiben wir aber selbst. Doch dafür müssen Talente erst einmal entdeckt und gefördert werden. Hierfür könnten Talente-Scouts zum Einsatz kommen, die in Schulen, Universitäten oder Unternehmen sehr breit nach Talenten suchen. Eine Investition, die sich in unserer heutigen VUCA-Welt laut Hengstschläger, schnell auszahlen würde.

 

Intra- und interpersonelle Kompetenz

Zum anderen muss man seine eigenen Talente und die des Teams richtig bewerten können. Dafür braucht es zum einen intrapersonale Kompetenz: Die Fähigkeit zu verstehen, wo seine eigenen Stärken und Schwächen liegen. Und dann sollte man gezielt an seine Stärken mit Fleiß und Erfolg weiter arbeiten und nicht an seinen Schwächen. Doch leider wird gerade in der schulischen oder universitären Ausbildung darauf geachtet, lieber überall durchschnittlich gut zu sein, als in einem Fach Spitze.

Zum anderen braucht es interpersonelle Kompetenz – also die richtige Mischung von Talenten im Team. Als Führungskraft müssen sie entscheiden, ob sie zwei Mitarbeiter mit den gleichen oder zwei Mitarbeiter mit verschiedenen Fähigkeiten einstellen. Klar ist: Umso unterschiedlicher ein Team ist, umso eher können neue Ideen entstehen.

Markus Hengstschläger hat dafür ein einfaches Beispiel: Wenn Sie in einer Turnhalle ihre Mitarbeiter alle auf die gleiche Stelle stellen und einen Ball fangen lassen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie ihn nicht fangen können. Auch wenn die Statistik vielleicht besagt, dass die letzten 100 Bällen im Durchschnitt an genau dieser Stelle aufgekommen sind.  Wenn sie aber alle Mitarbeiter verteilen, steigt ihre Erfolgschance exponentiell.

Hengstschläger plädiert dafür, in der Ausbildung nicht mehr nur Wissen zu vermitteln, sondern die Kompetenz wie man Tools nutzt und bedient. Lieber auszutesten, als auswendig zu lernen, wie etwas sein muss. Schon vor 2000 Jahren sagte der Philosoph Zenega: Unsere Talente von heute kommen nicht zum Erblühen, weil die Elterngeneration Angst vor der Zukunft hat. Es braucht Mut, anders zu sein!