Denialismus – wie Organisationen damit umgehen

Die Relevanz von Verschwörungstheorien

Denialismus ist eine psychologische Abwehrhaltung, bei der Menschen allgemeingültige Fakten und Wahrheiten leugnen. Die Verschwörungtheoretiker:innen orientieren sich hauptsächlich an radikalen und kontroversen Ideen.

Obwohl Denialismus kein absolut neues Phänomen ist, hat es gerade in der heutigen Zeit hohe Relevanz. Insbesondere unter den Bedingungen wachsender Komplexität und Unsicherheit wird dieser Trend zunehmend präsenter.  Gleichzeitig können Verschwörungstheoretiker:innen ihre Meinungen schnell und einfach in den Sozialen Medien oder über Messaging-Apps wie Whatsapp und Telegram verbreiten und damit zu einen bestimmten Ausmaß auch die öffentliche Meinung mitbeeinflussen. 


Merkmale von Denialist:innen

Personen mit den folgenden Eigenschaften können dazu neigen, wissenschaftliche Fakten zu leugnen:

  • Alter: Ältere Menschen tendieren eher dazu, an Verschwörungsideen zu glauben und etablierten Fakten zu misstrauen. Denialismus ist in der Gruppe der über 65-Jährigen am weitesten verbreitet.
     
  • Bildung: Personen mit einem niedrigeren Bildungsgrad glauben eher an Verschwörungstheorien als andere. 
     
  • Herkunft: Menschen mit Migrationshintergrund neigen eher dazu wissenschaftliche Daten zu hinterfragen und zu leugnen. 

Verschwörungtheoretiker:innen nutzen verschiedene Techniken um ihr konstruiertes Weltbild aufrecht zu erhalten. Oftmals gehen diese Taktiken miteinander einher.

 

Map - Hintergrundbild

Denialist:innen beziehen sich nicht auf wissenschaftliche Fakten und fundiertes Wissen. Stattdessen leiten sie sich ihre eigene Realität her. In den meisten Fällen verändern Verschwörungstheoretiker:innen die Wahrheit und erfinden eine Verschwörung, um die tatsächliche Wirklichkeit zu unterdrücken.

 

Denialist:innen fokussieren sich auf jene Fakten, Berichte und Ansichten, die zu ihrer eigenen Sichtweise passen. Oft stammen diese "alternativen Fakten" aus zweifelhaften Quellen oder von sogenannten Fake-Expert:innen.

 

Häufig sind Fehlinterpretationen und logische Irrtümer Teil des Denialismus.

 

Denialist:innen stellen oft sehr hohe Erwartungen an Wissenschaftler:innen. Sobald ein Wissenschaftler Antworten gibt, setzen Verschwörungstheoretiker:innen immer höhere Erwartungen, bis es für die Wissenschaft (fast) unmöglich ist, zu antworten.

 

Denialist:innen fordern unmögliche Beweise von Spezialist:innen, um dessen Argumentation zu schwächen und Fake-Expert:innen zu stärken. Diese Taktik wird auch "moving the goalposts" genannt.

 

 

Wie Unternehmen mit Denialismus umgehen können

Denialismus hat sich zu einer komplexen und unberechenbaren Thematik entwickelt, sowohl für die Gesellschaft als auch für Unternehmen.  Auch in Zukunft wird Denialismus ein Trendthema bleiben. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen:  

  • Die Verbreitung von Denialismus: Die Leugnung von Fakten und Beweisen betrifft mittlerweile fast alle Bereiche der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft und der Wissenschaft.
     
  • Forschungslücke in der Unternehmenskommunikation: Denialismus ist aus der Perspektive der Unternehmenskommunikation noch weitgehend unerforscht.
     
  • Unternehmen als Zielscheibe: Neben Politik und Wissenschaft nehmen Denialist:innen zunehmend auch Unternehmen ins Visier.
     
  • Unvorhersehbarkeit: Denialist:innen folgen einem irrationalen Weltbild. Das macht das Phänomen schwer greifbar – insbesondere für die meist eher rational denkenden Top-Manager in Konzernen.
     
  • Gefahr von allen Seiten: Mit der wachsenden Zahl von Denialist:innen steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeiter:innen in internen Meetings denialistische Haltungen äußern und damit organisatorische Entscheidungen beeinflussen.
     

Kommunikation gegen Denialismus 

Für Kommunikator:innen wird Denialismus in den nächsten Jahren weiter an Relevanz gewinnen. Sie müssen deshalb in der Lage sein, Denialismus zu verstehen,  zu erklären und geeignete Kommunikationsstrategien zu finden.

     


 

 

 

"Wir können von der Unternehmenskommunikation erwarten, geeignete Lösungen im Umgang mit Denialisten zu finden."

Christof E. Ehrhart, Executive Vice President Corporate Communications & Governmental Affairs, Bosch


  • Umgang mit Denialist:innen: Denialist:innen, die Unternehmen verbal angreifen, können meist keiner typischen Akteurs-Gruppe zugeordnet werden. Aus diesem Grund, gibt es keine Einheitslösung um gegen diese vorzugehen. Der erfolgversprechendste Ansatz ist laut Expert:innen jedoch, den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Das heißt, nicht sofort auf Verschwörungsideen aufzuspringen, und stattdessen Fakten, Logik und belegte Argumente zu liefern.
     
  • Überzeugungsarbeit: Die Meinung eines/einer Verschwörungstheoretiker:in zu ändern, benötigt Zeit und Ressourcen. Dabei ist es wichtig mit Fakten das konstruierte Weltbild der Denialist:innen aufzubrechen. Es ist hilfreich, zu betonen, dass Informationen falsch sind, ohne von Verschwörungstheorien zu sprechen und stattdessen faktenbasierte Alternativen anzubieten. 
     
  • Schutz des Unternehmens: Um das Unternehmen vor möglichen Angriffen zu schützen, kann es hilfreich sein, das Unternehmen in der Öffentlichkeit angemessen zu positionieren. Zum Beispiel gibt eine zielgerichtete Präsentation des CEO dem Unternehmen ein Gesicht, wenn es mit Leugner:innen konfrontiert wird. Gleiches gilt für die Positionierung des Unternehmens in öffentlichen Diskursen, zum Beispiel durch die Unterstützung von öffentlichen Kampagnen oder Aktivist:innen. Auch Stakeholder-Dialoge sind ein wichtiges Instrument um das Unternehmen präventiv zu schützen.
     
  • Mitarbeiter:innen unterstützen: Eine weitere Aufgabe der Kommunikation ist die Aufklärung und Unterstützung der Mitarbeiter:innen. Um Sensibilität für das Thema zu schaffen, kann es sinnvoll sein einen Leitfaden mit Hinweisen zur Erkennung von Denialist:innen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig muss die öffentliche Kommunikation über das Unternehmen und kritische Themen kontinuierlich gemonitort werden.

 

Quick-Guide: Denialismus identifzieren

Zentrale Ergebnisse zu den 5 Trends

  • Denialismus: Denialismus findet insbesondere in unserem digitalisiertem Umfeld statt, in dem Gerüchte und sogenannte Fake News über diverse Social-Media-Kanäle verbreitet werden und die öffentliche Meinung damit beeinflussen. Kommunikationsabteilungen müssen diese potenzielle Bedrohung frühzeitig erkennen, um gegebenenfalls reagieren zu können. 
     
  • Virtuelle Unternehmenskommunikation: Die Digitalisierung bietet  Kommunikationsabteilungen neue Möglichkeiten bei der Gestaltung ihrer Workflows und Prozesse. Dabei ergeben sich sowohl Vorteile, als auch Herausforderungen. 
     
  • Nachhaltige Unternehmenskommunikation: Nachhaltigkeit ist mittlerweile das zentrale Thema in der Gesellschaft sowie im unternehmerischen Umfeld. Somit steigt auch die Relevanz für Kommunikationsabteilungen mit nachhaltigen Konzepten auf diesen Trend zu reagieren. 
     
  • Digital Nudging: Digital Nudging kann den Weg zu einer effektiven, virtuellen Entscheidungsfindung von Mitarbeiter:innen im gesamten Unternehmen unterstützen. Für Kommunikationsverantwortliche ist es eine Chance, sich innerhalb des Unternehmens als Experte für die Optimierung digitaler Umgebungen zu positionieren. 
     
  • Voice Interaction: Die sprachbasierte Suche kann die Sichtbarkeit der öffentlichen Kommunikation eines Unternehmens in Suchmaschinen beeinflussen. Mit Hilfe von Sprachinteraktionen könnte die Unternehmenskommunikation Stakeholder auf eine neue Art und Weise erreichen und das Unternehmen als innovative Marke positionieren. 

 

Methode

  1. Trendsuche: Im ersten Schritt wurden verschiedene Quellen aus den Bereichen Management, Technologie und Gesellschaft analysiert. Darunter fielen insbesondere Publikationen aus wissenschaftlichen Journals und Konferenzen, sowie ausgewählte Nachrichtenzeitungen (z.B. Economic Science and Technology), Magazine (z.B. Havard Busindess Review, Wired), Soziale News-Seiten (z.B. Reddit Science), Blogs und Websites (z.B. ReadWrite, The Next Web), Whitepapers und Trend Reports.
     
  2. Trend-Steckbriefe: Jeder potentielle Trend wurde in einem Trend-Steckbrief systematisch dokumentiert. Die Steckbriefe halfen dabei, die Relevanz des Trends für die Unternehmenskommunikation und insbesondere für die Funktionen, Prozesse und das Management der Unternehmenskommunikation festzustellen. 
     
  3. Bewertung: Basierend auf den Kriterien der Trend-Steckbriefe wurde ein Bewertungs-Verfahren entwickelt, mit dem jeder der Trends bewertet wurde.
     
  4. Selection: Das Forschungsteam diskutierte dann diese Trends in einem Workshop. Anschließend stimmte jedes Teammitglied einzeln für die Top-Trends in den Bereichen Management, Technologie und Gesellschaft ab.
     
  5. Reflexion: Daraus resultierten fünf Vorschläge, die mit 20 Kommunikationsleiter:innen in einem Online-Workshop im November 2020 diskutiert wurden. 
     
  6. Publikation:  Die Analyse und Ergebnisse der finalen fünf Trends werden in unserer Publikation –  dem Communications Trend Radar Report – ausführlich erläutert.

Das Forschungsteam

Der Communications Trend Radar 2021 wurde von einem Team aus Wissenschaftler:innen der Universität Leipzig und der Universität Duisburg-Essen durchgeführt.
Von links nach rechts:  

  • Prof. Dr. Ansgar Zerfaß ist Professor für Strategische Kommunikation am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig.
     
  • Daniel Ziegele, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strategische Kommunikation der Universität Leipzig.
     
  • Sünje Clausen, M.Sc., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Professionelle Kommunikation in elektronischen Medien / Social Media an der Universität Duisburg-Essen.
     
  • Florian Brachten, M.Sc., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Professionelle Kommunikation in elektronischen Medien / Social Media der Universität Duisburg-Essen. 
     
  • Prof. Dr. Stefan Stieglitz ist Professor für das Fachgebiet Professionelle Kommunikation in elektronischen Medien / Social Media an der Universität Duisburg-Essen.